„Der Krisen-Wahnsinn von der maschekseite“ (Kurier, 29. 9. 2011)

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Das Satire-Trio maschek destilliert in seinem Programm „10.10.10“ aus dem TV-Material eines einzigen Tages ein tiefgründiges Medien-Panoptikum.

Die Synchron-Satiriker beschränkten sich auf Videomaterial von einem einzigen Fernsehtag: Ulrich Salamun, Peter Hörmanseder und Robert Stachel betreiben Fernsehmanipulation im besten Sinn.

Am 10. Oktober 2010 ist die Soul-Legende Solomon Burke verstorben, kam es zu Krawallen bei einer Schwulenparade in Belgrad und: es wurde die Wiener Gemeinderatswahl geschlagen. Nichts von diesen Ereignissen haben maschek in ihr neues Programm eingebaut, das am Dienstag im Wiener Rabenhof Premiere gefeiert hat. Dabei haben Peter Hörmanseder, Robert Stachel und Ulrich Salamun für „10.10.10“ ausschließlich TV-Material von diesem speziellen Tag verwendet. Der Fokus liegt aber nicht auf tagesaktuellen Ereignissen oder gar heimischer Tagespolitik – die haben die drei Wiener längst hinter sich gelassen.

In ihren Livesynchronisationen widmen sie sich globalen Phänomenen, statt Schüssel, Gusi, Faymann werden immer mehr Merkel, Obama oder Berlusconi zu den Opfern ihrer Satire. Material aus internationalen und vor allem deutschen Nachrichtensendungen, Dokus, Reality- und Casting-Shows nimmt zu, schließlich erobern maschek mit ihren Shows mitterweile auch die Bühnen des Nachbarlandes.

Im Vorjahr, als sie mit „09.09.09“ das neue Konzept „maschek.Fernsehtage“ einweihten, bauten die Drei aus dem Fernsehmaterial jenes Tages ein fiktives Szenario, in der im Lichte des Klimawandels die Welt durch ein Missgeschick von Umwelt-Aktivisten vom Untergang bedroht ist. In „10.10.10“ steht wieder der ganze Planet auf dem Spiel. Nun ist die Finanzkrise der allgegenwärtige Feind, der auf höchst unterschiedliche Weise von mascheks Medienfiguren bekämpft wird. So fordert Venezuelas Präsident Hugo Chavez etwa die Einführung der Tomate bzw. Paradeiser als neue Weltwährung, Reinhold Messner sieht die Chance für die Geschäftsidee seines „Messner-Schutzschirms“ gekommen und Alt-Dikator Kim Jong-il will verzweifelt Touristen nach Nordkorea locken – schließen machen die Chinesen das auch.

Hacken und hacken lassen

Screenshot: Youtube.com Nordkoreas Diktator Kim Jong-il will in der Satire endlich Tourismus im Land haben.Aber nicht nur die hohe Politik hat Finanzprobleme zu bewältigen. Hier kämpft jeder auf seine kreative Art ums Überleben: Ein Junge aus Kaschmir möchte via twitter-Hacking ein Adoptivkind von Angelina Jolie werden, und Eminem wird von maschek als mittelloser Rapper dargestellt, der sich plötzlich dazu gezwungen sieht, den Youtube-Hit „Dreh den Swag auf“ des Wiener Hiphoppers Moneyboy zu covern. Nur: „Dreh den Mac auf“ gefällt Mr. Marshall Mathers halt besser. Eines von mehreren Beispielen übrigens, dass der maschek- Humor wieder insiderischer wird, nach den populären Höhenflügen mit ihrem Polit-Kasperltheater (zuletzt „Bei Faymann“).

Ein Überlebensproblem anderer Art haben in „10.10.10“ aktuellerweise Mubarak, Gaddafi und Syriens Assad: Sie suchen in Saddam-Hussein-Manier den perfekten Doppelgänger, um heil davon zu kommen. Wie der Untertitel des Programms – „Ein revolutionärer Fernsehtag“ – bereits andeutet, sind auch die Entwicklungen in Nordafrika und Nahost ein Thema. Nur: Die „Revolution“ findet hier nicht in den Straßen statt, sondern ausschließlich in der Medienwelt, in der alten des Fernsehens, aber vor allem in der neuen des Internet. Hacking wird zur alltäglichen Überlebenskompetenz: So betätigt sich die Guerillagruppe AFFE als eine Art digitale RAF und hält mit Robin Hood-Aktionen die Welt in Atem.

Re-Analogisierung der Welt

Screenshot: Youtube.com Papst Benedikt wird von maschek als Medienfreak porträtiert.In all diesem Medienwahnsinn fällt Politikern und selbsternannten Weltenrettern nur eine Lösung ein: Die Welt muss wieder analog werden, um zu gesunden. Dass dies aber schlechterdings unmöglich ist, zeigen maschek auf genial hinterfotzige Art. Denn selbst der Papst möchte auf sein iPad nicht mehr verzichten.

Für mediengeeichte Auskenner hat „10.10.10“ jede Menge Querverweise, Zitate und lustige Details zu bieten. Wer hingegen hauptsächlich auf lustige Parodien von Fischer, Faymann, Strache und Co. wartet, kommt nur punktuell auf seine Kosten. Jene Episode allerdings, in der der 90. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung (auch der war am 10.10.2010) von mascheks Faymann und Fischer zum Rückgabetag von Kärnten umfunktioniert wird, gehört zu den Highlights des neuen Programms.

Kleine Gesten, große Wirkung

Screenshot: Youtube.com In die Niederungen heimischer Innenpolitik begeben sich maschek diesmal nur selten.Auch wenn die Handlung zwischendurch manchmal etwas an Fahrt verliert, und nicht jede Pointe sitzt – es ist immer wieder ein Genuss zu beobachten, wie in den Videoclips kleine Gesten zwar vollkommen umgedeutet werden, aber plötzlich umso entlarvender wirken und so für Lach-Orkane sorgen. Herrlich, wie maschek etwa Angela Merkel den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan herumkommandieren lassen.

Und: Aus heiterem Himmel, als offenbar alles der Lächerlichkeit preisgegeben wird, mutiert eine TV-Wirtshausdiskussion auf der maschek-Seite zur klugen Kapitalismuskritik. Der alte Zechpreller-Trick, zu behaupten, dass der, der die Rechnung zahlt, gerade nicht am Tisch sitzt, wird von maschek auf die Strategien zur Bewältigung der Bankenkrise umgelegt. Denn auch im Wirtshaus laufe es im Kleinen dann so, dass der geprellte Wirt die Zeche auf alle Lokalgäste verteilt.

Trotz der Selbstbeschränkung auf das TV-Geschehen eines einzigen Tages haben maschek also wieder mehr als genug verwertbares Material gefunden. Am 10.10.10. wurde übrigens in Israel um 10 Uhr und um 10.10 Uhr jeweils ein Baby geboren. Vielleicht wäre das ja Inspiration für eine noch kniffligere Aufgabenstellung für maschek: Material aus lediglich einer Fernsehminute eines Jahres zu „besprechen“. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Auf der Rabenhof-Homepage heißt es übrigens: „Es wäre nicht verkehrt, die Ereignisse des 11. November 2011 als Grundlage des dritten Teils der Serie zu vermuten“.

(Peter Temel)